Kroatien - Dubrovnik
Wie man in Kroatien mal schnell im Knast landet, wobei es eher ein deutsches Problem gab.
Wie man unvermutet im Knast landet
Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung in deutscher Behördenlogik
Es gibt Länder, in denen man Angst vor Korruption, Kriminalität oder Bürgerkrieg haben muss. Und dann gibt es Deutschland – da reicht eine Einladung zum Segeln, und du landest mit einer 18-Jährigen beinahe im Knast. Ganz ohne Tat, nur mit Visum.
Level 1: Willkommen im Land der „Fachkräfte“-Logik
Die Ausgangslage:
-
Wir holen Menschen ohne Papiere, ohne Ausbildung, teilweise ohne Namen ins Land – Stichwort „Fachkräfte“.
-
Aber eine 18-jährige, gut ausgebildete, unbescholtene junge Frau mit
- Jahren in Dubai,
- amerikanischem High-School-Abschluss,
- vollem kenianischen Pass mit Visa aus aller Welt
ist natürlich hochgradig verdächtig. Man weiß ja nie, ob sie nicht heimlich in Europa arbeiten oder – noch schlimmer – unser Sonnenblumenöl aus dem Supermarkt entwenden möchte.
Die Cousine meiner Frau, nennen wir sie T., sollte einfach mit uns in Kroatien segeln gehen. Eine harmlose Urlaubs-Idee – in Deutschland automatisch ein Behörden-Härtetest.
Level 2: Visum? Nur mit Vollkasko-Ruin für den Einladenden
Ein Schengen-Visum braucht man. Ein Antrag allein reicht natürlich nicht. Es folgt das übliche Programm:
- Einladung von mir: – Zweck: Segeln in Kroatien, Familie besuchen, Europa kennenlernen.
T. fliegt von Florida zur deutschen Vertretung in Miami, übergibt alle Unterlagen. Ergebnis: Kein Visum.
Begründung:
„Sie brauchen eine Verpflichtungserklärung.“
Klingt harmlos, ist aber die juristische Version von:
„Bitte unterschreiben Sie hier Ihre potentielle Privatinsolvenz.“
Die Verpflichtungserklärung bedeutet:
-
Ein deutscher Bürger haftet bis zu 5 Jahre
-
für alles, was dem Gast passieren oder zu Last gelegt werden könnte:
- Krankheit
- Abschiebung
- Haftkosten
- sonstige „konstruierbare“ Kosten
Mit komplettem Vermögen. Wird jemand schwer krank, in Haft genommen oder sonst wie teuer – Pech. Lebenswerk weg, Haus weg, alles weg.
Kein normaler Mensch würde so etwas unterschreiben. Also habe ich natürlich unterschrieben.
Level 3: „Verpfänden Sie doch Ihr Haus.“
Termin bei der Ausländerbehörde. Ich erscheine brav, aber mit einem Problem:
- Ich bin selbstständig,
- habe keine Lohnabrechnung,
- noch keinen geprüften Jahresabschluss (erst 1,5 Jahre selbstständig).
Die Reaktion:
„Ja, so geht das nicht. Dann müssen Sie eben Ihr Haus verpfänden. Holen Sie schon mal die Grundbuchauszüge.“
Ich frage freundlich nach:
„Würde ein Kontoauszug mit einem deutlich fünfstelligen Guthaben nicht genügen?“
Antwort:
„Nein. Das könnten Sie ja morgen im Casino verzocken.“
Stimmt. Genauso gut könnte auch eine Atombombe aufs Haus fallen – aber die taucht in keiner Vorschrift auf, also ist sie irrelevant.
Ich frage, ob es irgendeine andere Möglichkeit gibt, um die geforderten Fantasiemillionen auf dem Papier abzusichern.
Es gibt eine. Natürlich eine noch absurdere:
Level 4: 5.000-Euro-Sparbuch – die symbolische Sicherheitsattrappe
Die Alternative:
Ein Sparbuch zugunsten der Ausländerbehörde, mit „Sicherheitssumme“: 5.000 Euro.
Das ist:
- für Normalsterbliche viel Geld,
- im Verhältnis zur möglichen Haftung absolut lächerlich,
- aber in der Welt der Behörden offenbar magisch.
Probleme:
- Onlinebank? → „Sowas machen wir nicht.“
- Hausbank? → „Sowas machen wir auch nicht.“
Also zur Sparkasse. Dort, nach etwas Kniefall und vermutlich nur mit unterschwelliger Androhung, dass ich sonst bleibe, bis sie nachgeben, wird ein Sparbuch eröffnet. Natürlich nur, wenn man noch andere Produkte mit abschließt. Nichts ist umsonst.
In letzter Minute bekommen wir:
- Sparbuch ✅
- Verpflichtungserklärung ✅
Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn die Sache jetzt einfach wäre.
Level 5: Digitalisierung auf Behördendeutsch: FedEx
Man könnte meinen:
- Eine deutsche Behörde hat jetzt ein offizielles Dokument erstellt.
- Eine andere deutsche Behörde (Auslandsvertretung) braucht dieses Dokument.
- Also schickt man das intern, digital oder per Amtspost.
Nein.
„Sie müssen das selber schicken.“
Also:
- Verpflichtungserklärung unterschrieben, abgestempelt,
- nicht intern an das Auswärtige Amt,
- sondern von mir für 50 Dollar per FedEx nach Miami.
Behördenkommunikation im Jahr 202X: Berittene Botendienste mit DHL-Emulation.
Level 6: Visum erteilt – aber nur auf Papier
Das Wunder geschieht: T. bekommt ein Visum für 3 Monate.
Die Einreise nach Europa:
- Ankunft: kein Problem.
- Einreisestempel.
- Fertig.
- Dachte ich.
Flug nach Kroatien, Route:
- Leipzig → Wien → Dubrovnik
In Leipzig:
- Check-in: kein Problem.
- Polizei und Zoll: kein Problem.
In Wien:
- Nochmals Visum kontrolliert.
- Alles „prima“.
In Dubrovnik:
„Das ist ein D-Visum!“
Ich: „Und?“
Erklärung:
- Ein D-Visum ist im Prinzip ein nationales Visum – gedacht für eine einmalige Einreise in die EU.
- Kroatien ist – Überraschung! – in der Praxis noch nicht wirklich im „funktionierenden Schengen-Alltag“ angekommen (oder jedenfalls im Kopf der Beteiligten nicht).
Kurzfassung der Logik:
- Kroatien würde T. gerne reinlassen.
- Aber: Wien würde sie hinterher nicht mehr zurücknehmen.
- Und wer nicht zurückgenommen wird, darf nicht rein.
Ergebnis:
- Einreisen nach Kroatien: verboten,
- obwohl Visum gültig ist,
- obwohl EU-Boden bereits betreten wurde,
- obwohl alle Stempel sauber sind.
Und das nach:
- fünf Ämterbesuchen,
- Verpflichtungserklärung,
- Sparbuch,
- FedEx,
- und einmal Amerika-Europe-Hopping.
Niemand, wirklich niemand, hat vorher gesagt:
„Übrigens, mit diesem Visum ist die Praxis etwas tricky, vor allem, wenn Sie noch nach Kroatien wollen.“
Level 7: 5 Minuten für die Entscheidung – dann Knast
Die Lösung der Grenzbeamten lautet:
„T. muss sofort wieder zurück über die Grenze, damit sie als nicht eingereist gilt und sozusagen nie hier gewesen ist.“
Wir bekommen 5 Minuten Zeit, zu entscheiden:
- Entweder wir fliegen alle zusammen zurück.
- Oder T. fliegt allein, wir bleiben in Dubrovnik.
Frage:
- Lässt man eine 18-jährige, farbige Frau alleine quer durch Europa zurückreisen, mit Zwischenstopps, Übernachtung, Einreise- und Flughafenzauber, damit sie dann zwei Wochen allein irgendwo sitzt?
Oder bleibt man als Familie zusammen?
Natürlich wollen wir zusammen zurück.
Dummerweise brauchen wir für:
- Handys aufladen,
- etwas Geld tauschen,
- letzte Absprachen,
- Verabschiedung –
6 Minuten.
Eine Minute zu viel.
Die Entscheidung der Behörden:
„Der Flieger ist voll. Heute fliegt niemand mehr.“
Neue Auswahl:
- Wir alle übernachten in der Zelle.
- Nur T. übernachtet in der Zelle, wir gehen ins Hotel.
Wer selbst eingesperrt ist, kann gar nichts mehr tun. Also bleibt nur:
- T. allein im Knast,
- wir im Hotel,
- mit einem Gefühl, das man schwer beschreiben kann.
T. wird tatsächlich eingespart – „Gewahrsam zu Sicherungszwecken“, natürlich ganz legal.
Kontakt?
- Zunächst unmöglich.
- Erst nach massivem Nachhaken und Androhung von Konsequenzen bekommt sie ihr Telefon ausgehändigt.
Segelurlaub in Kroatien? Stattdessen: Gefängnisbesuch light.
Level 8: Rücktransport wie eine Straftäterin
Die Rückreise:
- Man behandelt T. wie eine Gefangene, die man nicht zeigen will.
- Sie wird quasi „im Hintergrund“ ins Flugzeug geschleust.
Meine Frau sieht sie erst in Wien wieder. Familienurlaub, europäische Werte-Edition.
Austrian Airlines (Spoiler: „Dieser Sauhaufen bekommt noch einen eigenen Artikel“) nutzt die Gelegenheit:
- Für meine Frau und meinen Sohn werden Tickets teuer neu berechnet,
- obwohl gültige Rückflüge existierten.
- Die alten Tickets wurden natürlich weiterverkauft. Doppelt verdient – wer sagt denn, dass nur Banken kreativ rechnen können?
Schlussbild: Willkommen in Europa
Am Ende steht:
- Eine junge Frau, die nichts verbrochen hat.
- Ein Visum, das sauber genehmigt wurde, mit Bürgschaft, Verpflichtungserklärung und allem Drum und Dran.
- Eine Familie, die sich an alle Regeln gehalten hat.
Und trotzdem:
- eine Gefängnisnacht,
- Demütigung,
- Geldverlust,
- zerstörter Urlaub,
- und das klare Signal:
„Wir trauen euch nicht. Egal, welche Dokumente Ihr habt.“
Als jemand, der nicht aus Europa kommt, kann man da nur den Kopf schütteln.
Vielleicht versuchen wir es das nächste Mal wirklich als „Fachkraft“:
- Ohne Papiere,
- ohne Nachweise,
- aber mit der richtigen Kategorie im Formular.
Dann läuft es womöglich wie geschmiert. Ganz ohne Sparbuch, ohne FedEx, ohne Verpflichtungserklärung – und ganz sicher: ohne Zelle in Dubrovnik.