Kind ohne Mutter

Aus der Rubrik - bestes Deutschland aller Zeiten.

Kind ohne Mutter

Anleitung zur professionellen Menschenerniedrigung in Deutschland

Es gibt Länder, da kämpft man mit Korruption, Stromausfällen und Behörden, die nur arbeiten, wenn ein Umschlag den richtigen Weg findet. Und dann gibt es Deutschland: Korruption braucht man hier nicht – die Bürokratie ist auch so tödlich genug.


Level 1: Der Pass, der auf Weltreise geht

Los ging’s mit der Ausländerbehörde. Die hatte eine brillante Idee: Den gültigen Pass meiner Frau – inklusive aller Visa und Einreisestempel – einfach mal einziehen.

Begründung: Echtheitsprüfung. Dauer: Drei Monate.

Reisen? Natürlich nicht. Schließlich leben wir in einem hochentwickelten Land. Da wird ein Reisepass eben behandelt wie ein Terrorverdächtiger: monatelang in Gewahrsam, bis feststeht, dass er „echt“ ist. Vermutlich wurde er zwischendurch noch befragt.


Level 2: Geburt ohne Mutter – bürokratische Jungfrauengeburt

Mitte 2020 wird unser Sohn A. geboren. Gesund, lebendig, hübscher brauner Mix – alles wie erwartet. Man sollte meinen: Deutsches Krankenhaus, deutscher Boden, Vater Deutscher – Geburtsurkunde, fertig.

Naiv.

Stattdessen gibt es:

Eine Abstammungsurkunde mit dem Eintrag: „Mutter unbekannt“

Eine Frau entbindet im Uniklinikum – und laut deutscher Urkunde existiert sie offiziell nicht. Das Kind hat also:

Immerhin mischt sich der Staat beim Vater weniger ein. Da kann man offenbar leichter Vater sein als Mutter. Praktisch.

Und natürlich ist das kein Zufall, sondern System: Ohne Mutter kein Kind. Ohne Kind kein Aufenthaltstitel zur Betreuung eines deutschen Kindes. Man kann sich kaum eine elegantere Art ausdenken, ein Kind juristisch zu halbieren.


Level 3: Die Ausländerbehörde erklärt die Welt

Unsere Nachfrage bei der Ausländerbehörde wird mit der Charmeoffensive beantwortet:

„Ohne Geburtsurkunde brauchen Sie nicht wiederkommen.“

Immerhin konsequent.

Aber ganz herzlos sind sie ja nicht. Man stellt eine Fiktionsbescheinigung aus – ein Papier, das behauptet, meine Frau dürfe sich in Deutschland aufhalten, weil sie studiere.

Kleine Randnotiz: Sie studierte zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr. Das war der Behörde bekannt. Aber wozu Realität, wenn es Formulare gibt?


Level 4: Standesamt Deluxe – 250 Euro für „Beweis, dass Sie existieren“

Beim Standesamt versuchen wir unser Glück. Dort hat man eine einfache, effiziente Lösung:

Für 250 Euro bekommen wir die fantastische Option, über einen Anwalt in Kenia nachzuweisen, dass:

  1. meine Frau tatsächlich geboren wurde
  2. die vorhandene Geburtsurkunde auch echt ist.

Das sei „so üblich“. Natürlich.

Also verstreicht mal eben ein Jahr. In diesem Jahr:


Level 5: Der Buchstabe, der alles zerstört

Dann die „Wendung“:

Die kenianische Geburtsurkunde ist zurück – und sie ist echt.

Freude? Nur kurz.

Denn jetzt kommt der eigentliche Geniestreich deutscher Gründlichkeit:

Die Urkunde sei zwar echt, gehöre aber einer anderen Person.

Begründung: Im Vornamen steht ein V statt eines Y.

Seit 35 Jahren kein Problem:

Für Deutschland ist das jetzt der Moment, in dem die Welt implodiert:

Wenn die Geburtsurkunde V sagt und alle anderen Dokumente Y, dann sind Pass & Co. plötzlich „falsche Dokumente“.

Ergebnis: Es gibt gar keinen gültigen Pass mehr. Was für ein praktisches Konzept.


Level 6: Der genialste Behördenvorschlag aller Zeiten

Die offizielle Empfehlung:

„Lassen Sie alle Dokumente im Heimatland umschreiben, damit der Schreibfehler (V statt Y) dort nachträglich eingebaut wird.“

Also:

einmal komplett rückwirkend verschlimmbessern, damit sie zum deutschen Tippfehleruniversum passen.

Logisch betrachtet:

Das ist kein Satireentwurf, das war ernst gemeint.

Zum Glück hatten wir irgendwann eine Anwältin, die vorschlug, den Namen in Deutschland amtlich zu korrigieren – also dahin, wo er ohnehin seit Jahrzehnten steht: mit Y.

Dafür braucht man ein Gerichtsverfahren, und das gibt es erst, wenn bewiesen ist, dass eine Korrektur im Heimatland unmöglich ist.

Also fährt jemand nach… richtig: Kenia.


Level 7: Afrika – schnell, günstig, funktionierend

Nächstes Kapitel: Kenia.

Im dortigen Standesamt:

Ergebnis:

Fertig.

Keine monatelange Bearbeitung, keine Echtheits-Odyssee, keine 27 Schriftstücke.

Zurück nach Deutschland. Was sagt das Standesamt?

Natürlich:

„Wir bezweifeln die Echtheit des Dokuments.“

Wie auch sonst.

Ich war mittlerweile innerlich so durch, dass ich nur noch fragte, ob ich dann wieder 250 Euro dalassen soll, damit man das nächste Jahr mit „Echtheitsprüfung“ verbringen könne.

Und dann geschah das Unfassbare:

„Wir haben im Team beraten und möchten Ihrem Dokument Glauben schenken.“

Das war der Moment, in dem in einem deutschen Amt fast so etwas wie Menschlichkeit aufblitzte. Ein kleiner, seltener, goldener Bürokratie-Moment.


Bonuslevel: Krankenversicherung & Restprogramm

Natürlich war das noch nicht das Ende. Die Erlangung einer Krankenversicherung und der Weg zur am Ende dann doch erteilten Aufenthaltserlaubnis wären jeweils eigene Grotesken wert. Aber der Höhepunkt bleibt:


Finale: Deutschland vs. Afrika

Vergleich:

Afrika (Kenia):

Deutschland:

Korruption braucht man hier gar nicht. Das System ist von sich aus schon so effizient darin, Menschen zu zermürben, dass Schmiergeld nur stören würde.


Kind ohne Mutter – Made in Germany. Wenn Kafka heute lebte, er müsste nichts mehr schreiben. Er könnte einfach Protokolle deutscher Ausländerbehörden vorlesen.