Angst als Politikmodus * West vs. Ost
Politische Entscheidungen entstehen nicht aus naturwissenschaftlichen Kennzahlen. Entstehen sie aus historischer Erfahrung oder oft aus Hysterie?
Angst als Politikmodus?
Von Tschernobyl über Fukushima bis Corona – eine ost-westdeutsche Perspektive auf Risikowahrnehmung
Gesellschaften reagieren auf Risiken nicht linear, sondern psychologisch. Drei Ereignisse zeigen dies exemplarisch: die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (1986), die Fukushima-Daiichi-Nuklearkatastrophe (2011) und die COVID-19-Pandemie.
In allen drei Fällen war die objektive Gefährdung in Deutschland deutlich geringer, als die politische und mediale Reaktion vermuten ließ.
1. Tschernobyl: Wahrnehmung versus Dosis
Spitzenwerte 1986: bis 2.000 Bq Cs-137 pro Liter Milch
(Quelle: Bundesamt für Strahlenschutz).
Rechenbeispiel
90 Tage lang täglich 1 Liter dieser maximal belasteten Milch:
- Aufnahme: 180.000 Bq
- Effektive Dosis: ca. 2,3 mSv
(Dosiskoeffizient nach ICRP)
Einordnung
- ≈ 40 Atlantikflüge (2 Monate als Pilot)
- ≈ 1 Jahr natürlicher Hintergrundstrahlung
- Keinerlei Strahlenschäden nachweisbar
Die öffentliche Reaktion stand in keinem proportionalen Verhältnis zur tatsächlichen Exposition. Bis heute glaubt der westdeutsche Normalbürger an eine Strahlengefahr durch diesen Vorfall. Im Osten gab es diese nachhaltige Angst vor dem "Atom" auch nach dem Vorfall kaum, obwohl man über das Westfernsehen informiert war.
2. Fukushima: Politische Beschleunigung
Nach Fukushima 2011 entstand in Deutschland keine relevante radiologische Belastung. Noch nicht einmal in Japan zählte man mehr als einen einzigen Toten durch Strahlung. Dennoch folgte der beschleunigte Atomausstieg in Deutschland.
Die Energiepolitik wurde nicht primär durch eine Neubewertung deutscher Reaktorsicherheit bestimmt, sondern nur durch eine irrationale mediale Reaktion mit wesentlichem Einfluß auf die gesellschaftliche Stimmungslage.
Im Osten war die Fassungslosigkeit in der breiten Bevölkerung zu spüren, obwohl es hier auch einige Befürworter des Atomaustieges gab. Leider wurde dies m.E. nie untersucht.
Folgen dieser Politik: Deutschland hat eine CO₂-arme Grundlasttechnologie aufgegeben und gleichzeitig volatile erneuerbare Energien stark ausgebaut.
Konsequenzen heute:
- Bedarf an Kohle- und Gaskraftwerken als Regelenergie steigt, was zu mehr CO2 führt.
- Preisvolatilität
- Importabhängigkeit auf dem höchsten Stand
Die mutmaßliche Sprengung von Nordstream 2 durch unsere eigenen Verbündeten (bzw. mit deren Kenntnis, wie sich nun herausstellt) hat uns vom preiswerten russischen Gas abgeschnitten. Im Osten wird das offen gesagt, im Westen ist das Thema wohl vom Tisch.
3. Corona: Risikokommunikation und Maßnahmen
Während der Pandemie zeigte sich erneut ein Muster:
- Hohe mediale Fokussierung auf Worst-Case-Szenarien, die eigentlich früh als unnötig widerlegt waren
- Weitreichende Grundrechtseingriffe, die wissenschaftlich meist nicht fundiert waren
- Diskussion über eine allgemeine Impfpflicht, trotz eines neuartigen gentherapeutischen Impfstoffes, der kaum getestet war
Ostdeutsche Bundesländer wiesen im Schnitt viel geringere Impfquoten und höhere Skepsis gegenüber staatlichen Maßnahmen auf. Das lässt sich empirisch belegen.
Interpretationsmöglichkeiten
- Höhere Sensibilität gegenüber staatlicher Eingriffsintensität
- Historisch gewachsene Skepsis gegenüber zentral gesteuerter Wahrheit
- Unterschiedliche politische Sozialisation
4. Ost-West-Differenzen
Auch bei der Kernenergie zeigen Umfragen seit Jahren:
In ostdeutschen Bundesländern ist die Zustimmung zur Nutzung der Kernkraft im Durchschnitt höher.
Die Migrationspolitik weist ebenfalls regionale Unterschiede auf, unabhängig von der realen Migrantendichte.
Sozialpsychologisch ist das nicht paradox:
Risikowahrnehmung hängt weniger von unmittelbarer Betroffenheit ab als von kultureller Deutung und dem Vertrauen in staatliche Steuerungsfähigkeit.
5. Demokratiesensibilität
Menschen, die autoritäre Systeme erlebt haben, reagieren oft sensibler auf:
- Einschränkungen der Meinungsfreiheit
- strafrechtliche Erweiterungen politischer Schutzparagrafen
- staatlich dominierte Medienlandschaften
Die Sensibilität ist historisch erklärbar und wird offenbar auch "vererbt".
Schlussgedanke
Vielleicht lohnt es sich, in grundlegenden Fragen gesellschaftlicher Risikoabwägung zur Abwechslung genauer auf ostdeutsche Perspektiven zu hören. Nicht aus Nostalgie und nicht aus Trotz, sondern aus der nüchternen Feststellung heraus, dass historisch gewachsene Skepsis gegenüber staatlichen Gewissheiten und medialen Dynamiken nicht selten ein Korrektiv darstellt.
Ihr Bauchgefühl lag in zentralen Debatten zumindest nicht offensichtlich neben der Realität – und verdient daher mehr analytische Aufmerksamkeit, als es bislang häufig erhält.